Kritik an Israel nicht deckungsgleich mit antisemitischen Haltungen
Antisemitismus-Potenzial in der Schweiz neuartig bestimmt
Claude Longchamp, Monia AebersoldEine Studie über "anti-jüdische und anti-israelische Einstellungen in der Schweiz 2007“, die das Forschungsinstitut gfs.bern unter dem Patronat der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) und in Zusammenarbeit mit dem jüdischen Wochenmagazin tachles erstellt hat.
Die Schweizer Bevölkerung begegnet der jüdischen Minderheit im Land grundsätzlich mit Respekt. Beklagt wird von relativ breiten, aber dennoch minderheitlichen Kreisen die selbst gewählte Abgrenzung der Juden zur restlichen Bevölkerung. Ansichten über eine weltweite oder schweizweite Verschwörung der Juden und Jüdinnen werden dagegen mehrheitlich abgelehnt. Die Schweiz wird nach Abschluss der Debatte über ihr Verhalten im 2. Weltkrieg kaum mehr als das Opfer einer Erpressung durch jüdische Organisationen gesehen.
Kritischer ist dagegen das Israel-Bild in der Bevölkerung. Zwar erscheint Israel heute überwiegend als normaler Staat, dem man mit Respekt begegnet. Vor allem im Zusammenhang mit dem Israel/Palästina-Konflikt macht sich aber Enttäuschung und Unverständnis breit. Diese emotionale Verstimmung gegenüber Israels Aussenpolitik befördert aber nicht antisemitische Einstellungen.
Aufgrund einer Potenzialbestimmung kommt die Studie zum Schluss, dass heute 10% der Schweizer systematisch antisemitisch eingestellt sind. Überdurchschnittlich häufig vertreten sind in dieser Gruppe Personen aus tiefen sozio-ökonomischen Schichten, politisch rechts stehende Menschen, Personen ohne persönliche Bekanntschaften mit Juden und Personen, die auf dem Land leben. Während eine zweite Gruppe von 28% der Befragten punktuelle judenfeindliche Einstellungen aufweist, sind weitere 15% wegen der Israelpolitik enttäuscht, ohne aber besonders negative Einstellungen zur jüdischen Bevölkerung aufzuweisen.
- Grundgesamtheit: EinwohnerInnen der ganzen Schweiz
- Erhebungsart: computerunterstützte Telefoninterviews (CATI)
- Stichprobenbildung: sprachregional geschichtete, doppelte Zufallsauswahl (Haushalte, BewohnerInnen)
- Befragungsdauer: 5.- 15. Februar 2007
- Stichprobengrösse: 1030
- Stichprobenfehler: +/- 3.1 Prozentpunkte bei 50/50
"Auszug aus der Forschungsarbeit von gfs.bern".
